Grafiker und Skizzenkünstler

Ich hatte immer die Hoffnung "Wenn Ich mir diesen Stift kaufe werden meine Bilder besser" oder "mit einem besseren Grafiktablett werde Ich viel krassere Bilder malen können!" aber irgendwie hat es sich kaum entwickelt.

Wenn Ich mir meine Bilder, Zeichnungen, Skizzen der letzten zehn Jahre so anschaue, bin Ich zwischendurch verblüfft, dass Ich in dem Augenblick zufrieden war mit dem Ergebnis. Zwischen Blättern die mit Cyberpunk, Erotik und langweiligen Portraits gefüllt sind, blättere Ich mich durch einen Zeitstrang durch. Der peinliche Gedanke, dass Ich einen eigenen Manga auf die Beine stelle  und irgendwann mit einer Reihe hyperdetaillierter Portraits eine kleine Ausstellung mache, beschämt mich jedes Mal. Einmal hab Ich laut verkündet, dass Ich ein Kinderbuch illustrieren möchte. Bis heute existiert ein einziges Motiv. 

Aber wenn Ich die Geschichte andersrum betrachte, wie würde mein 10-jähriges Ich auf meine heutigen Bilder reagieren? Was würde mein 15-jähriges Ich dran kritisieren und wie würde die 20-jährige Version von mir denken? Ich hatte immer gehofft, dass Ich den Stift eines Tages kaufe oder die Erleuchtung habe und sich alles zusammenfügt. 

Mit 17 war mir klar, dass Ich niemals das Durchhaltevermögen besitzen würde um als Künstlerin, Illustratorin oder Bildhauerin zu arbeiten. Naja, zu arbeiten schon, aber meine Werke und mich auf dem Markt anzubieten irgendwie nicht. Nach einem Gespräch mit einem angehenden Kunstlehrer, in dem er davon erzählte, dass seine Kommilitonen seine Ausrüstung zur Metallverarbeitung versteckt hat, damit er seine Prüfung nicht bestehen konnte, kam für mich auch kein Kunststudium mehr in Frage. Er erzählte, dass es ein unglaublicher Kampf sei und man ständig die Ellenbogen ausgefahren haben muss, denn je weniger Künstler es gibt desto besser kann man seine eigenen Werke anbieten.
Ein Studium kam nach dem Abitur sowieso nicht in Frage, denn Ich wusste ganz genau, dass Ich es niemals ernst nehmen und so ewig lang ziehen würde. Ich wollte einfach nur so schnell wie möglich Geld verdienen und auf eigenen Füßen stehen.
Mit 18 kam eine Freundin auf mich zu und wir beschlossen gemeinsam eine schulische Ausbildung zu machen mit anschließendem Bachelorstudium in England. Sie blieb sogar noch ein Jahr um ihren Masterabschluss zu machen, Ich wollte so schnell wie möglich Geld verdienen und auf eigenen Füßen stehen.
Während der Ausbildung keimte schon der Wunsch in mir irgendwann eine lehrende Tätigkeit auszuüben, denn der Unterricht in gewissen Fächern gefiel mir sehr gut, da die Dozenten aus verschiedenen Berufsfeldern kamen, viel praxisnahe Aufgaben gestellt und nicht nach Lehrbuch unterrichtet haben. Während des Studiums haben mich alle möglichen Kommilitonen mit den unterschiedlichsten Ideen beschallt: "Ich will bei einer non-profit Agentur arbeiten und krasse Sachen auf die Beine stellen", "In irgendso einer Klitsche will ich auf keinen Fall landen, ich geh in die Automobilindustrie!" oder "Ich schmeiß alles hin und werde Friseurin". Zwischen denen die schon eine Stelle sicher hatten und denen die schon in Erwägung zogen sich selbstständig zu machen stand Ich da und habe nur gehofft nicht irgendwo in einem Foto-Archiv Daten zu sortieren und jeden Monat auf eine Verlängerung meines Vertrags hoffen zu müssen.
Mein 10-jähriges Ich hätte wahrscheinlich gar nicht verstanden, warum Ich so in Schockstarre verfiel, mein 15-jähriges Ich wäre sehr sauer auf mich gewesen. Mein 20-jähriges Ich war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so weit weg und hätte zwar Verständnis gehabt aber wäre etwas enttäuscht gewesen. 
Ist jetzt der Punkt gekommen an dem Ich alles hinschmeiße, Kinder bekomme, mich danach umorientiere? Bin Ich als Grafiker gut genug, ganz allein die Kommunikation für ein Unternehmen mit 900 Mitarbeitern zu stemmen? Bin Ich als Person stark genug meinen aktuellen Lebensstil länger als weitere 3 Jahre zu halten? Bin Ich damit zufrieden nicht über das Niveau eines Skizzenkünstlers zu gelangen?
Heute morgen, auf dem Weg zur Arbeit kam mir wieder der Gedanke "hätte Ich ein kleines Tablet, auf dem Ich zeichnen könnte, würde Ich bestimmt wieder viel mehr zeichnen und malen". Nein würde Ich nicht. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass der große Durchbruch nicht kommt. Nicht, wenn Ich mehr als 40 Stunden in der Woche beschäftigt bin eine knallharte Version von mir zu sein, die "oh, die ist aber sehr hässlich" über Webseiten richtet und verzweifelt "warum hält sich keiner an die Vorgaben?" fragt, wenn sie den neuen Entwurf für einen Flyer sieht. Ich werde nicht mehr Kunst schaffen, wenn Ich weiterhin auf eigenen Füßen stehen will. Vielleicht blättere Ich in 5 Jahren durch meine Skizzenbücher und sage dann lachend "Bei Tag ist sie Grafiker, bei Nacht ist sie Künstler!" 

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