Montag, 12. August 2019

Puzzlestück

Wenn man sich völlig verschwitzt wieder voneinander löst und der Blick dich durchleuchtet, man den salzigen Geschmack noch auf den Lippen hat und die Zimmerluft stickig ist, fragt man sich vielleicht wie es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist.
Ohne Hintergedanken hat man sich nett unterhalten, dann lasch zum Essen verabredet und dann hängt man aneinander, mit verknoteten Beinen im Bett, völlig verklebt von Schweiß und Speichel. Arm in Arm, ein Kuss nach dem anderen, man flüstert sich Kleinigkeiten zu und kichert, beißt beim Küssen zu und kratzt über Haut. So nah aneinander erkennt man nur noch verschwommen das Gesicht des anderen, wieder die Frage, wie es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist.
Wenn man dann auf die Uhr schaut und einem erst klar wird, dass man die letzten vier Stunden in diesem Strudel aus körperlicher Nähe und Extase verbracht hat und es einem höchstens wie 30 Minuten vorkommt, fragt man sich kurz, ob das alles überhaupt Wirklichkeit ist.

Schon bei der Verabschiedung vermisst man einander, versucht noch eine kleine Nettigkeit zu sagen, nochmal umarmen, nochmal küssen. Egal, wenn alle zuschauen, alles egal. Noch ein bisschen Nähe, nochmal berühren und berührt werden.

Eine Stunde später sieht man dann die Nachricht "ich vermisse dich :(" und man antwortet mit "du fehlst mir".
Du fehlst mir, wie ein Puzzlestück.

Montag, 20. Mai 2019

Ein Date, was gar kein Date sein sollte

Wenn man sich nett unterhält, unnötige Fakten austauscht, seinen Nachnamen erklärt und dabei, wie verabredet, Tantuni zusammen isst, kann es schnell passieren, dass man dieses ganz bestimmte Kribbeln verspürt. Dann geht man noch ein paar Schritte, weil man den Abend nicht weiter geplant hat.
"Da die Straße runter gibt's einen richtig geilen Koreaner!"
- "Ja? Sieht der so gut aus?"
"... da gibt es richtig gutes Essen. Wenn man das Grillmenü bestellt kann man sich am Buffet bedienen und da gibt es diese unglaublich leckeren frittierten Kimchi-Bällchen"
- "Ja, dann gehen wir da nächstes Mal hin"
Ich habe noch nie gesehen, dass sich jemand so über diesen Satz so sehr gefreut hat, einfach dieses Strahlen im Gesicht, von den Augen bis hin zum Lächeln.

Wenn man dann auf der Bank sitzt, Eis isst und die Fronten klärt, dass alles nicht so einfach ist und wohl ein Missverständnis vorlag, er ein bisschen Abstand nimmt und es langsam kühl wird, trübt sich die Stimmung ein wenig. Nochmal ein paar Schritte gehen, hier und da schauen, sich gegen die Bar entscheiden, vor verschlossenen Türen stehen, weil es fast 19 Uhr ist und dann zu ihm in die Wohnung. Einfach gegenüber sitzen, reden, Vergangenheit austauschen. Kurz vor Mitternacht dann los "bringst du mich zu meinem Auto? Ich habe keine Ahnung wo das steht". An seinem Arm einhaken, es ist ein wunderbarer Abend, die Luft ist warm, die Stimmung nett. Über Filme quatschen, vor dem Auto stehen und umarmen.
"Wann gehen wir dann Kimchi-Bällchen essen?"
- "Hmm... 2021 hätte Ich wieder Zeit"
"Nein, das ist zu lang. Stell dir mal vor, ich geh da hin und dann sind da die Kimchi-Bällchen. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren"
- "Ja, hast recht."
Nochmal umarmen, im richtigen Augenblick wieder voneinander lösen. Diese gute Stimmung, beschwippst von einem wunderbaren Abend, nein, jetzt nicht küssen, nochmal umarmen, am Arm hängen, noch was nettes sagen. Nicht küssen.

Mittwoch, 2. Januar 2019


"Morgen wird der Restmüll geholt", "Zahnpasta, Duschgel, Kontaktlinsenflüssigkeit, Taschentücher nicht vergessen", "Du hast da noch diesen Blog, der total vernachlässigt wird", "Die Fotos von der Hochzeit neulich, ach nee, morgen... hatte Ich die zweite Staffel komplett gesehen?"

Einen Jahresrückblick zu schreiben kommt mir falsch vor, zur Zeit habe Ich aber kaum eine zusammenhängende Erzählung, da meine Erinnerungen eher einem Feuerwerk gleichen. Hier blitzt kurz etwas auf, da kreischt was, darauf folgen wilde Bilder, die Ich nicht mehr zuordnen kann.
Manchmal habe Ich innerhalb weniger Minuten schon vergessen, warum Ich mir vorhin den Bauch vor Lachen gehalten habe. Manchmal erinner Ich mich nach einer halben Stunde gar nicht mehr an das Ärgernis. Letzteres finde Ich ganz gut, schließlich möchte Ich mich nicht noch Stunden lang über den Arsch ärgern, der sich vorgedrängelt hat. Aber die schönen Momente verblassen viel zu schnell. Ich weiß, dass Ich dieses Jahr im Stuttgarter Zoo war, in meinem Kopf habe Ich hinterlegt, dass Ich einige gute Filme in dem kleinen Kino gesehen habe, erinnere mich aber nur an zwei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass einiges schief gelaufen ist in den letzten zwölf Monaten, aber so richtig erinner Ich mich nicht mehr.

Für viele Menschen ist es traurig am Ende des Jahres ihre nicht erreichten Ziele noch mal aufzuzählen und versuchen sich mit motivierenden Sprüchen aufzumuntern "Aber der Versuch zählt manchmal mehr als der Erfolg" oder der Klassiker, den Ich schon zu häufig auf Postkarten, Kalendern und Deko-Gegenständen gesehen habe: "Der Weg ist das Ziel".
Jetzt sitze Ich hier und frage mich, ob jede Entscheidung gut war, die Ich gefällt habe. Mein 17-jähriges Ich sagt im Brustton der Überzeugung "Ich mache keine Fehler, jede Entscheidung ist die richtige!" und lacht über "Der Weg ist das Ziel" oder "Carpe Diem" und bekommt Erstickungsanfälle von "Gib jedem Tag die Chance der beste deines Lebens zu sein". Mein 17-jähriges Ich hat allerdings noch nicht ganz geschnallt, wie viel Geld hinter dieser Kitsch-Industrie steckt.
Erwachsene Menschen, die sich bedruckte Blechschilder kaufen mit Aufschriften wie "Ich Chef! - Du Nix!" oder "kannst es so machen aber dann isses halt kacke", um sich diese ins Büro zu stellen oder zu verschenken. Junge Mädels, die sich Coffee-To-Go Becher mit Schnörkelschriftzug "Lieblingsmensch" und aufgedrucktem Konfetti kaufen oder Leute die ganz stolz erzählen, dass sie etwas auf amazon günstiger gekauft haben, als im Einzelhandel oder oder oder-
Mein 17-jähriges Ich verdreht die Augen.
Am Jahresende kann man sich ganz gelassen auf die Schulter klopfen, wenn man sich eh keine Ziele gesetzt hat. Wenn man keine Erwartungen an sich selbst stellt enttäuscht man sich auch nicht - Klingt doch ganz einfach! Aber was, wenn man doch irgendwas erreicht hat? Ohne es wirklich gewollt zu haben?!
In diesem fragwürdigen Zustand befinde Ich mich gerade. Zum Jahresbeginn konnte ja keiner ahnen, dass Ich alles für ein paar Monate auf den Kopf stelle, nach Stuttgart ziehe, wieder zurück ziehe und zufrieden bin. Ich hätte nie gedacht, dass es so wunderbar ist mit dem Sonnenaufgang aufzuwachen und den Tag nutzen zu können, abends wieder zu Bett zu gehen ohne stundenlang auf Handy oder Tablet zu starren. Endlich erholsamer Schlaf, den Ich seit 25 Jahren gebraucht habe. Ich bin zwar über Umwege an einem Ziel gelandet, würde aber nie zugeben, dass dieser seltsame Weg als Ziel gelten kann. Der Lieblingsmensch hält es seit fast neun Jahren mit mir aus, gestern Abend fragte Ich ihn nochmal, wahrscheinlich das 200. Mal, "Es ist bestimmt nicht leicht mit mir? Das muss doch voll ätzend sein oder?" und seine Antwort, wahrscheinlich auch zum 200. Mal, war "Mit mir ist es nämlich viel einfacher, ich nerve ja überhaupt nicht."
Mein 17-jähriges Ich wäre auch von ihm begeistert.