Donnerstag, 19. März 2020

Grafiker und Skizzenkünstler

Ich hatte immer die Hoffnung "Wenn Ich mir diesen Stift kaufe werden meine Bilder besser" oder "mit einem besseren Grafiktablett werde Ich viel krassere Bilder malen können!" aber irgendwie hat es sich kaum entwickelt.

Wenn Ich mir meine Bilder, Zeichnungen, Skizzen der letzten zehn Jahre so anschaue, bin Ich zwischendurch verblüfft, dass Ich in dem Augenblick zufrieden war mit dem Ergebnis. Zwischen Blättern die mit Cyberpunk, Erotik und langweiligen Portraits gefüllt sind, blättere Ich mich durch einen Zeitstrang durch. Der peinliche Gedanke, dass Ich einen eigenen Manga auf die Beine stelle  und irgendwann mit einer Reihe hyperdetaillierter Portraits eine kleine Ausstellung mache, beschämt mich jedes Mal. Einmal hab Ich laut verkündet, dass Ich ein Kinderbuch illustrieren möchte. Bis heute existiert ein einziges Motiv. 

Aber wenn Ich die Geschichte andersrum betrachte, wie würde mein 10-jähriges Ich auf meine heutigen Bilder reagieren? Was würde mein 15-jähriges Ich dran kritisieren und wie würde die 20-jährige Version von mir denken? Ich hatte immer gehofft, dass Ich den Stift eines Tages kaufe oder die Erleuchtung habe und sich alles zusammenfügt. 

Mit 17 war mir klar, dass Ich niemals das Durchhaltevermögen besitzen würde um als Künstlerin, Illustratorin oder Bildhauerin zu arbeiten. Naja, zu arbeiten schon, aber meine Werke und mich auf dem Markt anzubieten irgendwie nicht. Nach einem Gespräch mit einem angehenden Kunstlehrer, in dem er davon erzählte, dass seine Kommilitonen seine Ausrüstung zur Metallverarbeitung versteckt hat, damit er seine Prüfung nicht bestehen konnte, kam für mich auch kein Kunststudium mehr in Frage. Er erzählte, dass es ein unglaublicher Kampf sei und man ständig die Ellenbogen ausgefahren haben muss, denn je weniger Künstler es gibt desto besser kann man seine eigenen Werke anbieten.
Ein Studium kam nach dem Abitur sowieso nicht in Frage, denn Ich wusste ganz genau, dass Ich es niemals ernst nehmen und so ewig lang ziehen würde. Ich wollte einfach nur so schnell wie möglich Geld verdienen und auf eigenen Füßen stehen.
Mit 18 kam eine Freundin auf mich zu und wir beschlossen gemeinsam eine schulische Ausbildung zu machen mit anschließendem Bachelorstudium in England. Sie blieb sogar noch ein Jahr um ihren Masterabschluss zu machen, Ich wollte so schnell wie möglich Geld verdienen und auf eigenen Füßen stehen.
Während der Ausbildung keimte schon der Wunsch in mir irgendwann eine lehrende Tätigkeit auszuüben, denn der Unterricht in gewissen Fächern gefiel mir sehr gut, da die Dozenten aus verschiedenen Berufsfeldern kamen, viel praxisnahe Aufgaben gestellt und nicht nach Lehrbuch unterrichtet haben. Während des Studiums haben mich alle möglichen Kommilitonen mit den unterschiedlichsten Ideen beschallt: "Ich will bei einer non-profit Agentur arbeiten und krasse Sachen auf die Beine stellen", "In irgendso einer Klitsche will ich auf keinen Fall landen, ich geh in die Automobilindustrie!" oder "Ich schmeiß alles hin und werde Friseurin". Zwischen denen die schon eine Stelle sicher hatten und denen die schon in Erwägung zogen sich selbstständig zu machen stand Ich da und habe nur gehofft nicht irgendwo in einem Foto-Archiv Daten zu sortieren und jeden Monat auf eine Verlängerung meines Vertrags hoffen zu müssen.
Mein 10-jähriges Ich hätte wahrscheinlich gar nicht verstanden, warum Ich so in Schockstarre verfiel, mein 15-jähriges Ich wäre sehr sauer auf mich gewesen. Mein 20-jähriges Ich war zu dem Zeitpunkt noch gar nicht so weit weg und hätte zwar Verständnis gehabt aber wäre etwas enttäuscht gewesen. 
Ist jetzt der Punkt gekommen an dem Ich alles hinschmeiße, Kinder bekomme, mich danach umorientiere? Bin Ich als Grafiker gut genug, ganz allein die Kommunikation für ein Unternehmen mit 900 Mitarbeitern zu stemmen? Bin Ich als Person stark genug meinen aktuellen Lebensstil länger als weitere 3 Jahre zu halten? Bin Ich damit zufrieden nicht über das Niveau eines Skizzenkünstlers zu gelangen?
Heute morgen, auf dem Weg zur Arbeit kam mir wieder der Gedanke "hätte Ich ein kleines Tablet, auf dem Ich zeichnen könnte, würde Ich bestimmt wieder viel mehr zeichnen und malen". Nein würde Ich nicht. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass der große Durchbruch nicht kommt. Nicht, wenn Ich mehr als 40 Stunden in der Woche beschäftigt bin eine knallharte Version von mir zu sein, die "oh, die ist aber sehr hässlich" über Webseiten richtet und verzweifelt "warum hält sich keiner an die Vorgaben?" fragt, wenn sie den neuen Entwurf für einen Flyer sieht. Ich werde nicht mehr Kunst schaffen, wenn Ich weiterhin auf eigenen Füßen stehen will. Vielleicht blättere Ich in 5 Jahren durch meine Skizzenbücher und sage dann lachend "Bei Tag ist sie Grafiker, bei Nacht ist sie Künstler!" 

Montag, 12. August 2019

Puzzlestück

Wenn man sich völlig verschwitzt wieder voneinander löst und der Blick dich durchleuchtet, man den salzigen Geschmack noch auf den Lippen hat und die Zimmerluft stickig ist, fragt man sich vielleicht wie es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist.
Ohne Hintergedanken hat man sich nett unterhalten, dann lasch zum Essen verabredet und dann hängt man aneinander, mit verknoteten Beinen im Bett, völlig verklebt von Schweiß und Speichel. Arm in Arm, ein Kuss nach dem anderen, man flüstert sich Kleinigkeiten zu und kichert, beißt beim Küssen zu und kratzt über Haut. So nah aneinander erkennt man nur noch verschwommen das Gesicht des anderen, wieder die Frage, wie es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist.
Wenn man dann auf die Uhr schaut und einem erst klar wird, dass man die letzten vier Stunden in diesem Strudel aus körperlicher Nähe und Extase verbracht hat und es einem höchstens wie 30 Minuten vorkommt, fragt man sich kurz, ob das alles überhaupt Wirklichkeit ist.

Schon bei der Verabschiedung vermisst man einander, versucht noch eine kleine Nettigkeit zu sagen, nochmal umarmen, nochmal küssen. Egal, wenn alle zuschauen, alles egal. Noch ein bisschen Nähe, nochmal berühren und berührt werden.

Eine Stunde später sieht man dann die Nachricht "ich vermisse dich :(" und man antwortet mit "du fehlst mir".
Du fehlst mir, wie ein Puzzlestück.

Montag, 20. Mai 2019

Ein Date, was gar kein Date sein sollte

Wenn man sich nett unterhält, unnötige Fakten austauscht, seinen Nachnamen erklärt und dabei, wie verabredet, Tantuni zusammen isst, kann es schnell passieren, dass man dieses ganz bestimmte Kribbeln verspürt. Dann geht man noch ein paar Schritte, weil man den Abend nicht weiter geplant hat.
"Da die Straße runter gibt's einen richtig geilen Koreaner!"
- "Ja? Sieht der so gut aus?"
"... da gibt es richtig gutes Essen. Wenn man das Grillmenü bestellt kann man sich am Buffet bedienen und da gibt es diese unglaublich leckeren frittierten Kimchi-Bällchen"
- "Ja, dann gehen wir da nächstes Mal hin"
Ich habe noch nie gesehen, dass sich jemand so über diesen Satz so sehr gefreut hat, einfach dieses Strahlen im Gesicht, von den Augen bis hin zum Lächeln.

Wenn man dann auf der Bank sitzt, Eis isst und die Fronten klärt, dass alles nicht so einfach ist und wohl ein Missverständnis vorlag, er ein bisschen Abstand nimmt und es langsam kühl wird, trübt sich die Stimmung ein wenig. Nochmal ein paar Schritte gehen, hier und da schauen, sich gegen die Bar entscheiden, vor verschlossenen Türen stehen, weil es fast 19 Uhr ist und dann zu ihm in die Wohnung. Einfach gegenüber sitzen, reden, Vergangenheit austauschen. Kurz vor Mitternacht dann los "bringst du mich zu meinem Auto? Ich habe keine Ahnung wo das steht". An seinem Arm einhaken, es ist ein wunderbarer Abend, die Luft ist warm, die Stimmung nett. Über Filme quatschen, vor dem Auto stehen und umarmen.
"Wann gehen wir dann Kimchi-Bällchen essen?"
- "Hmm... 2021 hätte Ich wieder Zeit"
"Nein, das ist zu lang. Stell dir mal vor, ich geh da hin und dann sind da die Kimchi-Bällchen. Das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren"
- "Ja, hast recht."
Nochmal umarmen, im richtigen Augenblick wieder voneinander lösen. Diese gute Stimmung, beschwippst von einem wunderbaren Abend, nein, jetzt nicht küssen, nochmal umarmen, am Arm hängen, noch was nettes sagen. Nicht küssen.