Mittwoch, 2. Januar 2019


"Morgen wird der Restmüll geholt", "Zahnpasta, Duschgel, Kontaktlinsenflüssigkeit, Taschentücher nicht vergessen", "Du hast da noch diesen Blog, der total vernachlässigt wird", "Die Fotos von der Hochzeit neulich, ach nee, morgen... hatte Ich die zweite Staffel komplett gesehen?"

Einen Jahresrückblick zu schreiben kommt mir falsch vor, zur Zeit habe Ich aber kaum eine zusammenhängende Erzählung, da meine Erinnerungen eher einem Feuerwerk gleichen. Hier blitzt kurz etwas auf, da kreischt was, darauf folgen wilde Bilder, die Ich nicht mehr zuordnen kann.
Manchmal habe Ich innerhalb weniger Minuten schon vergessen, warum Ich mir vorhin den Bauch vor Lachen gehalten habe. Manchmal erinner Ich mich nach einer halben Stunde gar nicht mehr an das Ärgernis. Letzteres finde Ich ganz gut, schließlich möchte Ich mich nicht noch Stunden lang über den Arsch ärgern, der sich vorgedrängelt hat. Aber die schönen Momente verblassen viel zu schnell. Ich weiß, dass Ich dieses Jahr im Stuttgarter Zoo war, in meinem Kopf habe Ich hinterlegt, dass Ich einige gute Filme in dem kleinen Kino gesehen habe, erinnere mich aber nur an zwei. Ich bin mir ziemlich sicher, dass einiges schief gelaufen ist in den letzten zwölf Monaten, aber so richtig erinner Ich mich nicht mehr.

Für viele Menschen ist es traurig am Ende des Jahres ihre nicht erreichten Ziele noch mal aufzuzählen und versuchen sich mit motivierenden Sprüchen aufzumuntern "Aber der Versuch zählt manchmal mehr als der Erfolg" oder der Klassiker, den Ich schon zu häufig auf Postkarten, Kalendern und Deko-Gegenständen gesehen habe: "Der Weg ist das Ziel".
Jetzt sitze Ich hier und frage mich, ob jede Entscheidung gut war, die Ich gefällt habe. Mein 17-jähriges Ich sagt im Brustton der Überzeugung "Ich mache keine Fehler, jede Entscheidung ist die richtige!" und lacht über "Der Weg ist das Ziel" oder "Carpe Diem" und bekommt Erstickungsanfälle von "Gib jedem Tag die Chance der beste deines Lebens zu sein". Mein 17-jähriges Ich hat allerdings noch nicht ganz geschnallt, wie viel Geld hinter dieser Kitsch-Industrie steckt.
Erwachsene Menschen, die sich bedruckte Blechschilder kaufen mit Aufschriften wie "Ich Chef! - Du Nix!" oder "kannst es so machen aber dann isses halt kacke", um sich diese ins Büro zu stellen oder zu verschenken. Junge Mädels, die sich Coffee-To-Go Becher mit Schnörkelschriftzug "Lieblingsmensch" und aufgedrucktem Konfetti kaufen oder Leute die ganz stolz erzählen, dass sie etwas auf amazon günstiger gekauft haben, als im Einzelhandel oder oder oder-
Mein 17-jähriges Ich verdreht die Augen.
Am Jahresende kann man sich ganz gelassen auf die Schulter klopfen, wenn man sich eh keine Ziele gesetzt hat. Wenn man keine Erwartungen an sich selbst stellt enttäuscht man sich auch nicht - Klingt doch ganz einfach! Aber was, wenn man doch irgendwas erreicht hat? Ohne es wirklich gewollt zu haben?!
In diesem fragwürdigen Zustand befinde Ich mich gerade. Zum Jahresbeginn konnte ja keiner ahnen, dass Ich alles für ein paar Monate auf den Kopf stelle, nach Stuttgart ziehe, wieder zurück ziehe und zufrieden bin. Ich hätte nie gedacht, dass es so wunderbar ist mit dem Sonnenaufgang aufzuwachen und den Tag nutzen zu können, abends wieder zu Bett zu gehen ohne stundenlang auf Handy oder Tablet zu starren. Endlich erholsamer Schlaf, den Ich seit 25 Jahren gebraucht habe. Ich bin zwar über Umwege an einem Ziel gelandet, würde aber nie zugeben, dass dieser seltsame Weg als Ziel gelten kann. Der Lieblingsmensch hält es seit fast neun Jahren mit mir aus, gestern Abend fragte Ich ihn nochmal, wahrscheinlich das 200. Mal, "Es ist bestimmt nicht leicht mit mir? Das muss doch voll ätzend sein oder?" und seine Antwort, wahrscheinlich auch zum 200. Mal, war "Mit mir ist es nämlich viel einfacher, ich nerve ja überhaupt nicht."
Mein 17-jähriges Ich wäre auch von ihm begeistert.

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